Lasst uns einen Bruder machen

LASST UNS EINEN BRUDER MACHEN
oder von der Bedeutung des Du-Wortes
für die Freundschaft

Einer der Grundsätze unseres Weinritterordens besteht aus der Pflege echter Ritterlicher Freundschaft, wofür der Ritterliche Schwellensatz, nämlich die Besiegung des Neides, unverzichtbar vorausgesetzt werden muss.
Das edle Gut der Freundschaft kann definiert werden als ein: „Verhältnis aus gegenseitiger individueller Zuneigung bei rückhaltsloser Vertrautheit mit den Lebensumständen des Freundes oder der Freundin.“ (Brockhaus 1968, 6. Bd., Seite 591). Nur die Standesgleichheit verhindert die ansonsten vorherrschende Gönnerschaft bzw. Gefolgschaft.
Alle Eidgenossen des Europäischen Weinritterordens schließt das Band des Eides in standesgleicher Weise zusammen, sie genießen damit eine höhere Möglichkeit, gelebte Ritterliche Freundschaft zu erfahren, die auch das Ritterliche Du-Wort auszeichnet.
Es geziemt sich, auch zum sensiblen Bereich der Bruderschaft einige Gedanken anzuknüpfen.
Eine Bruderschaft besteht aus der Übereinkunft von zwei oder mehreren Personen, sich als Brüder anzusehen, wozu auch das gegenseitige „Du-Wort, das Bruderwort“ gehört.
Es ist von alters her Sitte, Bruderschaft zu trinken; dies beruht wohl darauf, dass der Genuss des gleichen Trankes als Symbol fester Verbindung angesehen wurde. Auch das Zuprosten, also das „Gläser-erklingen-Lassen“, entspringt einer Erinnerung an frühe Zeiten, als man das gehobene Getränk teilweise gegenseitig austauschte, um so einem möglichen Anschlag durch Vergiftung zu entgehen.
Welche tiefsinnige Bedeutung ein „Du-Wort“ in sich birgt – leider Gottes wird es heutzutage zeitgeistgemäß nur oberflächlich und damit bedeutungslos gehandhabt –, zeigt eigentlich die Definition des Bruders selbst: Bruder einer Person ist derjenige, der von dem selben Elternpaar (frater germanus) oder von demselben Vater (frater consanguineus) oder von derselben Mutter (frater uterinus) abstammt.
Im religiösen Bereich existiert eine Reihe von Bruderschaften, von denen wir hier als Beispiel die Brüder des gemeinsamen Lebens (fratres vitae communis) anführen. Diese waren bereits im 14. Jahrhundert zu einer freien christlichen Genossenschaft verbunden und erfüllten ihre Aufgabe im Zusammenleben, in der Gemeinschaft des Erwerbs, der Arbeit und der Erbauung.
Bemerkenswert, dass diese Brüder damals auch Kugelherren genannt wurden. Mit der Erklärung dieses sonderbaren Begriffes erfahren wir noch mehr über die Bedeutung des „Per-Du“ bzw. des Bruderschaft-Denkens.
Da jeder Bruder bzw. jede Schwester gleiche Wertigkeit in der Gemeinschaft besitzen soll, befinden sich diese sozusagen auf der selben Ebene, nämlich auf der Kugeloberfläche, symbolisch angeordnet. Das Wesen der Kugel besteht darin, dass von jedem Punkt der Oberfläche zum Mittelpunkt dieselbe Entfernung besteht, was eine höchste Form der Gleichheit darstellt.
Der Mittelpunkt selbst kann nur der Wertinhalt bzw. die Wertübereinkunft hinsichtlich der Symbolhandlung des „Du-Wortes“ sein. So vermag der Begriff „Kugelbrüder“, eine Ritterliche Freundschaft sehr anschaulich zu umschreiben, wobei wir noch auf den Inhalt der Freundschaft (Ritter-Atlas Kapitel 5.07. Seite 162 ff) hinweisen.
Bei den Ritterlichen Zeremonien, während derer stets Solemne Form vorherrscht, wird gerade durch die Kelchreichung dieses Ritterliche „Du-Wort“ von beiden Seiten besiegelt: sowohl von den Ritterlichen Candidaten als auch vom Ritterpriester, der den Kelch reicht.
Durch die Kulthandlung des „Per Du-Trinkens“ wird gleichsam für die Betroffenen jeweils ein „neuer Mensch“ geboren, der vorher so nicht da war.
Daher sollte man das „Du-Wort“ nie leichtfertig oder aus reiner Geselligkeit bzw. Laune heraus eingehen. Man müsste sich immer des tiefsinnigen, für das weitere Leben bedeutungsvollen Inhalts bewusst sein; denn mit jedem Du-Wort wird gegenseitig Verantwortung übernommen.

Beachte:

„Man ist im Leben für das verantwortlich, was man sich vertraut gemacht hat!“

Diese Geisteshaltung steckt im Ausdruck: „Lasst uns einen Bruder machen“!