Wort des Consul II. Senatus / Praeses Senatus

Die Macht des Wortes

Worte sind dazu da, Dinge zu bezeichnen. Sie sollen sagen, was ist. Sofern ihnen dies gelingt, sagen sie die Wahrheit. Wenn jedoch die Dinge der Auffassung entgleiten, können sie sehr leicht unter Verlust ihres Wahrheitsgehaltes zum „Unwort“ entarten. Von Friedrich Nietzsche stammt der Satz, dass nämlich der wirkliche Machthaber der Zukunft jener sein wird, der neue Sprachregelungen durchsetzen kann. Denn jede geschichtliche Auseinandersetzung sei ein Kampf um die Machtübernahme in der Sprache. Die Macht des Wortes hat daher die Geschichte der Menschheit ganz entscheidend geprägt. Allerdings nicht allein in positiver Weise, sondern oft auch in höchst negativer Form.
Das geschriebene Wort hat zum Aufstieg Europas entscheidend beigetragen. Haben doch der Dekalog sowie die Philosophie der Griechen und die Thesen der römischen Schriftsteller die Fundamente unseres christlich-abendländischen Wertegebäudes begründet. Weder sie noch das Vermächtnis der Bergpredigt konnten durch Hetzschriften und brutale Propaganda menschenverachtender Diktaturen erschüttert oder durch rituelle Bücherverbrennungen vernichtet werden.
Welche Rolle hat daher das Wort – und vor allem auch das geschriebene Wort – für uns Eidgenossen des Ordo Equestris Vini Europae zu spielen? Es bedeutet für uns, dass wir bei allen Gelegenheiten offen zu unserer Wertehaltung stehen und die Ziele unseres Ritterlichen Weges stets in klare Worte fassen.
Wir müssen sie immer wieder präsentieren und in Erinnerung rufen, um nicht jenen das Feld zu überlassen, die diese Werte relativieren wollen, ja sie sogar bekämpfen. Beispiele dafür begegnen uns Tag für Tag. Vor allem jenen Entscheidungsträgern, die derzeit für Europa die politische Verantwortung tragen, sei daher in ihre Kalender, aus denen sie die christlichen Festtage eliminiert haben, um den Weg für ein wertefreies Europa zu ebnen, das Vermächtnis des großen und überzeugten Europäers Jacques Delors eingeschrieben. Er hat nämlich für ein künftiges, geeintes Europa und für seine Bedeutung in der Welt mehr gefordert als bloß die Schaffung einer Wirtschaftsgemeinschaft, eines Militärpaktes oder einer Wissensgesellschaft.
Und er hat seine Vision einer Gemeinschaft auf der Basis europäisch-abendländischer Werte sehr trefflich und prägnant mit einem inzwischen geflügelten Wort beschrieben: „Man muss Europa eine Seele geben!“
Es geht allerdings nicht allein um eine Seele für Europa, sondern darum, die Seelen der Menschen dieses Europas nicht verkümmern zu lassen. Von Angelus Silesius stammt das Wort: „Zwei Augen hat die Seel‘. Das eine schauet in die Zeit, das andre richtet sich, hin in die Ewigkeit.“
Diesen weltlichen und gleichzeitig transzendentalen Auftrag haben durch Jahrhunderte und unter Überwindung nicht nur der Wirren des Mittelalters die christlichen Ordensgemeinschaften in hervorragender Weise erfüllt. Sie haben allerdings neben der Tradierung der abendländischen Werte in Wort und Schrift auch den edlen Wein als Kult- und Kulturträger gepflegt und erhalten.
Gemäß dem bekannten Ausspruch der Zisterzienser: „Vinum delectat et laetificat cor hominum“ Ja, der Wein ergötzt und erfreut tatsächlich der Menschen Herz. Er öffnet uns für den Glauben, die Hoffnung und die Liebe, die die Fundamente unseres Ritterlichen Weges sind.
Um möglichst vielen Menschen guten Willens – unter Weiterführung dieser Tradition und durch allerhöchsten Auftrag legitimiert – diesen Ritterlichen Weg zu eröffnen, hat der Magister Generalis und Gründer unseres traditionsreichen Ordens in Fortführung des Ritterschafts-Atlas das vorliegende Werk verfasst. Es soll uns helfen, die Grundlagen unseres Ordo Equestris Vini Europae in Form dieses Buches stets präsent zu haben. In einem Buch, für das mit einem Vers von Franz Karl Ginzkey herzlichst gedankt sei:

„Für meine Seele kommt Besuch: Ein schönes wohlgewachsnes Buch. Zur Lampe trag‘ ich’s sorglich hin. Vielleicht steckt auch ein Mensch darin? Doch Menschen blühn in dünner Saat. Vielleicht ist’s nur ein Literat? Doch nein, bei Gott wer hätt’s gedacht, Ein Mensch ist’s der da weint und lacht.“

Hofrat Prof. Dkfm. Mag. Helmut F. Skala
Praeses und Consul Secundus Senatus